Helmholtz - Gymnasium Zweibrücken

PISA-Gewinner: Estland

Wir, Elisabeth Damm und Esther Quarz, durften Dank der Zugehörigkeit unserer Schule zum Erasmus+-Konsortium der ADD und dessen Förderung ein Job Shadowing vom 14. bis 18. September 2026 am Tallinna Saksa Gümnaasium in Estland durchführen. Bei unserem Job Shadowing wurden wir vom Entwicklungsmanager der Schule, Erik Joasaare, vor Ort begleitet und unterstützt. 

Am ersten Tag haben wir durch die Schulleitung Maive Merkulova eine theoretische Einführung in das estnische Schulsystem erhalten, die uns erstaunen ließ, wie anders ein europäisches Schulsystem strukturiert sein kann. Im weiteren Verlauf der Woche haben wir gute Einblicke in sehr viele unterschiedliche Fächer bei diversen Lehrkräften erhalten. 

Dadurch dass die Schule erstmals innerhalb einer Job-Shadowing-Woche mehrere Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen europäischen Ländern und Deutschland zusammengebracht hat, gab es nicht nur einen Austausch mit den Ortslehrkräften, sondern auch mit den anderen Teilnehmenden. So war es beispielsweise möglich, Vergleiche zum spanischen Schulsystem zu ziehen oder Unterschiede auch im deutschen Schulsystem erkennen zu können.

Da Estland kurz zuvor in der veröffentlichen PISA-Studie von 2025 sehr gut abgeschnitten hat, lag unser besonderes Augenmerk bei unseren Beobachtungen auf der Reflexion, welche Gründe für das gute Abschneiden Estlands bei PISA verantwortlich sein könnten. 

Schlussendlich sind die guten Ergebnisse keine Folge der besseren Unterrichtsmethoden, da der Unterricht häufig wie Vorlesungen aufgebaut ist, die Kinder in Übungsphasen durch die Lehrkraft kaum unterstützt werden, es keine Differenzierung im Klassenraum (allerdings bestehen teilweise Kleingruppen zur Förderung) gibt, die Schülerinnen und Schüler sich durch die fehlenden Epochalnoten wenig mündlich beteiligen und digitale Unterrichtsmethoden nicht häufiger als bei uns eingesetzt werden. 

Daher könnten unserer Meinung nach folgende Punkte einen positiven Einfluss auf die PISA-Ergebnisse haben: 

  1. Der frühere Beginn von Lernen

96% der Schülerinnen und Schüler besuchen ab 3 Jahren die Vorschule. Die erste Fremdsprache wird ab der 1. Klasse gelernt und Informatikunterricht (Bedienung der wichtigsten Programme sowie der Umgang mit dem Internet) beginnt in Klasse 2. 

  1. Lernen nach biologischem Rhythmus/körperlicher Ausgleich

Studien zeigen, dass Kinder vor 9 Uhr noch nicht konzentrationsfähig sind und dadurch nicht gut lernen können. Deshalb starten die Schulen in Estland nicht vor 9 Uhr, außer die Eltern stimmen einem früheren Schulbeginn zu. In unserem Fall begann der Unterricht für die Klassen 1-5 um 8:30 Uhr, für alle anderen um 8:45 Uhr.

Darüber hinaus betätigen sich alle Schülerinnen und Schüler außerhalb der Schule sportlich, künstlerisch oder musikalisch und schaffen so einen körperlichen Ausgleich zum kognitiven Schulalltag. 

  1. Kleinere Lerngruppen/soziales Miteinander

Bis zur 9. Klasse gehen alle Schülerinnen und Schüler, egal welchen Förderbedarf sie aufweisen, in eine gemeinsame Klasse und es dürfen maximal 26 Schülerinnen und Schüler eine Klasse besuchen. In den Fremdsprachen und im Sportunterricht wird die Lerngruppe geteilt unterrichtet. In der Muttersprache und in Mathematik werden Fördergruppen gebildet, die eine Stunde pro Woche parallel zum eigentlichen Fachunterricht laufen. 

  1. Versetzungen

Alle Leistungsüberprüfungen können einmal wiederholt werden. Sollten Schülerinnen und Schüler in zwei oder mehr Fächern alle drei Trimester im Schuljahr mit den Noten 1 und 2 abschließen (bei uns 5 und 6), haben sie das Anrecht auf eine individuelle Förderung in der ersten Sommerferienwoche durch die Lehrkraft und auf das Ablegen einer Nachprüfung. Dadurch ist ein Sitzenbleiben im estnischen Schulsystem fast ausgeschlossen und wenn nur ab Klasse 4 möglich.

  1. Höherer Fokus der Lernkraft auf ihren Unterricht

Es gibt viele weitere Personen, die in der Schule angestellt sind, um die Lehrkräfte zu unterstützen (Techniker, Krankenschwester, Psychologe, Sozialarbeiter, Lehrkräfteassistent, umfangreichere erweiterte Schulleitung etc.). Bei Problemen (z. B. Verhaltensproblemen), die die Klassenlehrkraft nicht selbst lösen kann, werden die zuständigen Personen informiert, teilweise sogar externe Partner eingebunden, die sich dann kümmern. 

Die Information der Eltern durch die Schule ist häufig nicht mehr nötig, da das Fehlen einer Schülerin/eines Schülers durch eKool  (unser WebUntis) direkt an die Eltern gemeldet wird. Die Eltern sind verpflichtet zu kontrollieren, ob das Kind in der Schule ist bzw. dort auch den Unterricht besucht. Noten unter ausreichend sowie Einträge zu schlechtem Benehmen im Unterricht werden ebenfalls direkt an die Eltern geschickt. 

 

Im Allgemeinen haben die estnischen Kinder eine sehr positive Einstellung gegenüber dem Lernen und tragen selbst die Verantwortung hierfür, was die Ergebnisse auch positiv beeinflussen könnte. Dies ist wahrscheinlich kulturell/soziologisch bedingt. Jedes Kind hat ein Anrecht auf ein kostenloses Frühstück und Mittagessen, sodass gewährleistet ist, dass sich jede Schülerin und jeder Schüler konzentrieren kann. Außerdem ist das Einkommen in Estland sehr gering. Ohne eine gute Schulbildung wird man Schwierigkeiten haben, den Lebensunterhalt zu bestreiten.

Weiterhin gibt Estland mehr Geld für Bildung aus als alle anderen europäischen Länder. Die Lehrkräfte werden zwar nicht gut bezahlt (etwa die Hälfte unseres Gehaltes bei gleichen Lebenshaltungskosten, ausgenommen günstigere Mieten), aber dafür gibt es, wie oben bereits angesprochen, mehr Personen, die in einer Schule arbeiten, und die Ausstattung von Schulen ist exzellent. Am Tallinna Saksa Gümnaasium wurde bei der Schulsanierung 2019/2020 vor allem auf zwei Dinge geachtet. Einerseits gibt es viele Flächen, auf denen sich die Schülerinnen und Schüler aufhalten und betätigen können (Sofas, Stille-Sessel, Tische, Sportwände, Klavier, Silent Boxes, Tischtennisplatte etc.). Andererseits ist das Schulhaus hell. Daher weisen alle Klassenräume zusätzlich zu ihren Fensterflächen zum Flur hin eine einsehbare Glaswand auf. Zur Unterstützung offener Arbeitsweisen verfügen viele Säle zudem über flexible Möbel und alle über ein Smartboard oder Whiteboard mit Beamer.

Des Weiteren haben die meisten Lehrkräfte ihren eigenen Klassenraum und die Kinder kommen für den Unterricht zur Lehrkraft. Von Computerlaboren hat die Schule durch die Sanierung Abstand genommen, um alle Räume variabel nutzen zu können, und verfügt seitdem über iPad- und Laptopkoffer.

Insgesamt war unser Aufenthalt äußerst beeindruckend, ließ uns häufig sprachlos werden und hat uns viele Ideen mit auf den Weg gegeben, die es nun heißt zumindest im Kleinen umzusetzen. So werden wir zwar an den Unterrichtszeiten, den Klassengrößen und der Schulausstattung nichts ändern können, aber es ist absolut möglich, den Schülerinnen und Schülern mehr zuzutrauen bei ihrem Lernen, das Klassenraummanagement flexibler zu gestalten und uns für Bewegungspausen im Unterricht sowie ein Engagement außerhalb des Unterrichts einzusetzen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, seht Erasmus+ als einzigartige Chance, nehmt euch die Zeit und besucht eine Schule im europäischen Ausland. Es ist unglaublich bereichernd zu sehen, was wir uns in unserem Schulsystem absolut bewahren können und was aber auch verbessert werden kann.

Elisabeth Damm und Esther Quarz

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Ergänzung: Beim SWR ist ebenfalls ein kurzer Bericht zu finden: Externer LINK